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Einsichten


Grafiti bei Elbingerode

28.12.2020

105| Zwischen den Jahren

In den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr wird man zum Janus und schaut sowohl hinter sich in das vergehende als auch vor sich in das kommende Jahr. Was wir hinter uns gebracht haben, rangiert für die meisten wohl zwischen Krise und Katastrophe. Viele Probleme haben sich verschärft, neue sind dazugekommen.
Immerhin ein positiver Aspekt ist zu verzeichnen: wir haben viel gelernt. Dass die meisten dieser Probleme oder zumindest ihre große Tragweite von uns selbst zu verantworten sind. Dass niemand und keine Nation eine Insel ist. Dass jedes Handeln oder Nichthandeln Konsequenzen hat. Dass es keinen Grund zur Überheblichkeit gibt. Und dass wir unsere Mit-Menschen und Mit-Geschöpfe brauchen und mit ihnen schicksalhaft verbunden sind – nicht nur lokal bei uns, sondern mit allen. Es gibt keine Verstecke mehr auf diesem kleinen Planeten.
Was bietet uns das neue Jahr? Vor allem Hoffnung. Hoffnung darauf, dass nun bald die großen Aufgaben gemeinsam angegangen werden. Dass die Ausbrüche von Barbarei ein Ende haben werden. Dass etwas Demut und Bescheidenheit einkehren. Das wir unsere Verantwortung erkennen und sie auch zu tragen bereit werden.
Wird im neuen Jahr nun alles besser? Bestimmt nicht. Vieles muss wohl noch schlimmer werden, bevor die Einsichten reifen können. Es wäre schon ein Erfolg, wenn manches nicht noch schlimmer würde. Die Zukunft bleibt ungewiss.
Am Ende steht weiter die große Frage: Gibt es intelligentes, rational handelndes Leben im Universum? Vielleicht werden wir eines Tages auf der Erde fündig.

f5 - 1/1600s - 160mm - ISO 100 - 08/2020





Junge Bäume auf einem Baumstumpf

15.09.2019

104| 10 Tage im Juni

Der Tod der Mutter ist eine tiefe Erschütterung. Mit ihrem letzten Atemzug begann für mich eine neue Zeitrechnung. Mein ganzes bisheriges Leben war ich von ihr umsorgt und geliebt. Nun klafft ein beängstigendes Loch im Fundament meines Lebens. Und dann, mitten in der Trauer, kommt die Nachricht, die ein wenig tröstet: Gerade in der Zeit, in der sie um das Ende ihres Lebens kämpfte, wurde anderswo in der Familie ein neues begonnen. Haben sich die beiden Lebenslichter die Klinke in die Hand gedrückt? Ich wünsche dem kleinen Anfänger alles Glück dieser Erde!

f3.2 - 1/160s - 187mm - ISO 100 - 08/2019





Weide am Bodden auf Fischland

25.03.2018

100| Standhaftigkeit

Eine Weide an einem Reetfeld an der Ostseeküste. Reichlich zerzaust sieht sie aus vom Frost und dem rabiaten Beschneiden. Man muss ihren Anblick nicht mögen, aber man muss ihr Respekt zollen. Solange noch ein Splitter ihres Holzes vom Saft durchströmt wird, wird sie immer und immer wieder im nächsten Frühjahr ausschlagen. So wie das Leben auf diesem Planeten. Wir könnten es schaffen, ihn so zu ruinieren, dass wir keine Zukunft mehr auf ihm haben, aber das Leben wird einen Weg finden - auch ohne uns.

f6.3 - 1/640s - 112mm - ISO 100 - 02/2018





Mädchen am Anglersteg, Schwanenteich Peine

10.09.2017

94| Innere Angelegenheit

Sie ist am Ende eines Weges angekommen. Wenn es nicht mehr weitergeht, muss sie zurück, von wo sie kommt.
Das kann so abschreckend sein, dass sie lieber wartet. In der Hoffnung auf ein Schiff.
Oder sie lernt schwimmen.
Wie sie sich auch entscheidet, sie muss Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Wir, die wir sie kennen und lieben, können nur ihre Entscheidung abwarten, wissend, dass wir sie lieben werden, gleich wie sie sich entscheidet.

f4 - 1/650s - 17mm - ISO 50 - 05/2005





Fensterladen in Dornberk

13.08.2017

92| Eine Reise nach Kärnten

Ein fast geschlossener Fensterladen. Seit langer Zeit nicht mehr geöffnet. Vielleicht lässt er sich auch gar nicht mehr öffnen, denn die Bänder sind verrostet. Früher kannte ich das Zimmer dahinter, wie mag es nun dort aussehen?
Es war ein weiter Weg, um hier anzuklopfen. Doch er hat sich gelohnt. Denn es wurde geöffnet und das Zimmer war hell und warm wie früher.

f4 - 1/250s - 147mm - ISO 100 - 07/2017






rumänische Hochzeitskapelle

01.05.2017

90| Hoch-Zeiten

"Der schönste Tag im Leben" wird er oft genannt. Ein hoher Anspruch, den sicher nicht jeder Hochzeitstag erfüllen kann. Im Gegenteil, ein Tag, der so hoch beladen ist mit Erwartungen und Verpflichtungen, kann bei ehrlicher Betrachtung kaum der schönste des Lebens werden.

Welches sind denn die schönsten Tage, welches die schönsten Erinnerungen? Für mich persönlich sind es nicht solche ausstaffierten Veranstaltungen großen Aufwands, die im Rückblick Eindruck hinterließen. Vielmehr haben sich kleine Dinge als Schlüsselszenen eingebrannt. Die stolze Hand des Vaters auf meiner Schulter, die dünnen Ärmchen des Sohnes um meinen Hals geschlungen, die leuchtenden Augen meiner Frau beim ersten Treffen, mit internationalen Kollegen einen dreisprachigen Kanon singen. Solche Erlebnisse können Nahrung für ein ganzes Leben spenden.
Eine Hochzeitsfeier, eine gewonnene Fußballweltmeisterschaft, eine große Kreuzfahrt sind dagegen nur kleine, süße Häppchen für zwischendurch.

f4 - 1/1000s - 300mm - ISO 100 - 07/2016





Schachfiguren

15.03.2017

87| Schach macht matt

Das königliche Spiel! Großmeister werden für ihre Fähigkeiten am Spielbrett verehrt, doch im täglichen Umgang sind Taktieren, Drohen und Täuschen selten Königswege zu den Herzen der Mitmenschen. Hier überzeugt, wer mit offenen Karten spielt.
Das heißt nicht, dass intrigante Methoden ungeeignet sind, um manipulative Ziele in einer Ellenbogengesellschaft zu erreichen.
Es ist nur die Frage, ob das Erreichen eines Zieles mit allen Mitteln am Ende wirklich zum Lebensglück führt. Und ob alle erreichbaren Ziele wirklich angestrebt werden sollten.
Auf lange Sicht führen nur Kooperation und Kompromiss zu tragfähigen Ergebnissen. Kurzfristige Lösungen können wir uns erstens nicht mehr leisten und zweitens sind sie unserer nicht würdig. Da müssen sich die Könige und alle, die sich dafür halten, wohl anderes Spielmaterial suchen.

f16 - 1/350s - 315mm - ISO 100 - 03/2011





Brunnen in Lissabon

11.03.2017

86| Farbe bekennen

Mit der Herde laufen, sich im Gleichklang mit der Welt fühlen. So stark ist das Verlangen nach Harmonie mit der Mehrheit, dass viele sich selbst verleugnen, nur um nicht anders zu sein.

Dabei sind wir alle anders. So wie es unendlich viele verschiedene Farben gibt.

Der Drang nach Gleichförmigkeit wird gern benutzt von Menschen, die sich daran bereichern möchten. Aber wir fügen uns meist auch gern darin, weil es sich im Schwarm so wunderbar unsichtbar leben lässt.

Es bedarf besonderer Umstände, uns aus dieser Harmonie zu lösen. Wenn die Anpassung einen höheren Preis fordert als die Wahrhaftigkeit. Dann stehen wir vor einer Entscheidung, müssen Farbe bekennen. Eine Farbe, die nicht mehr mit dem Gesamtbild harmoniert. Die uns erkennbar macht, angreifbar.

Menschen, die ihre eigene Farbe tragen, sind unbequem. Sie sind nicht immer das, was wir sehen wollen. Aber in schweren Zeiten sind sie diejenigen, auf die es ankommt. Deshalb verdienen sie unsere Unterstützung. Zumindest die, ihnen nicht unsere Farben aufzudrängen.

f6 - 1/250s - 315mm - ISO 100 - 09/2009





Jausenpause auf einer Bank im Spessart

05.03.2017

85| Jeden Tag

Zu Beginn einer Verliebtheit ist es ein Kribbeln im Bauch, das uns zusammenführt. Wenn es verfliegt, geht dann die Liebe?
Im Gegenteil, erst dann kann sie sich entfalten. Sie ist kein Geschenk. Jeden Tag entscheide ich mich bei klarem Verstand für diese Liebe. Das gelingt nicht im Aufruhr der Gefühle.
Dennoch hat auch die gereifte Liebe ihren Zauber. Warum sonst lässt ihre Stimme, ihre Gestalt im Gegenlicht mein Herz noch immer vor Freude springen?

f11 - 1/2000s - 157mm - ISO 100 - 07/2009





landende Möwe

12.01.2017

77| Hunting high and low

Fantasie ist geduldig. Ehrgeizige Vorhaben, neue Vorsätze, heikle Gespräche - in Gedanken sind solche Probleme federleicht und schwebend. Wie ein Vogelflug bei ruhigem Wetter. Die Umsetzung in die Realität findet aber auf dem harten Boden der Fakten statt. Deshalb zerbrechen viele hochfliegende Pläne schon bei der Landung. Wenn nicht, erweisen sich vermeintlich kleine Bremsklötzchen, die aus der Vogelperspektive ganz unbedeutend schienen, als unüberwindbar, wenn man davor steht. Sie können dann nur mit Fleiß und Beharrlichkeit beseitigt werden. Dennoch hat der Flug der Gedanken seinen Sinn. Vielleicht sieht man ja von oben, dass es einen Weg um das Hindernis herum gibt. Deshalb beneide ich in manchem die Möwen: Elegant im Flug und in der Landung, in allen Elementen zuhause.

f10 - 1/640s - 300mm - ISO 100 - 02/2016





Wegweiser auf Poel

09.01.2017

76| Willst du mit mir geh'n?

Manchmal wünsche ich mir die Kindheit zurück. Wenn es schwierig wurde, konnte ich die Entscheidung den Eltern überlassen. Als Erwachsener bin ich nun für mich selbst verantwortlich. Niemand nimmt mich an der Hand und führt mich auf den rechten Weg. Welcher ist das überhaupt, woran erkenne ich ihn? Zeichen und Wegweiser gibt es viele an der Strecke, aber sie nützen mir nichts, wenn ich noch nicht einmal das Ziel kenne. So setzte ich einen Fuß vor den anderen, schon damit zufrieden, dass es weitergeht - gleich in welche Richtung. Später erkenne ich dann: es ist nicht wichtig, wohin, sondern mit wem ich ging.

f11 - 1/200s - 138mm - ISO 100 - 02/2016





Pferdefuhrwerk in Remetea

05.01.2017

74| Weiter, immer weiter

Ein spannender Film lässt mich am Schicksal des Helden teilhaben. Atemlos verfolge ich, wie er aberwitzige Herausforderungen besteht. Am Ende ist das Böse besiegt, die Welt gerettet, die Herzensdame gewonnen.

Hier fällt der Vorhang, das Weitere wird dem Publikum vorenthalten. Aber eigentlich beginnt doch der interessante Teil erst, der sich damit beschäftigt, wie man das Gewonnene bewahrt und die Entwicklung weiterführt. Die Gegner, die es hier zu bezwingen gilt, sind nicht minder gefährlich, aber sie führen hinterhältigere Waffen ins Feld: Chaos, Langeweile, moralische Erosion, Orientierungsverlust.

Es ist ein Kampf, den man jeden Tag neu beginnen muss und die Gegner werden nie müde. Die alltägliche Ochsentour. Es gibt auch weder eine Aussicht auf Ruhm noch auf einen endgültigen Sieg. Die einzige Aussicht ist, irgendwann nicht mehr die Kraft zum Widerstand aufbringen zu können. Aber die Hoffnung erfüllt uns, dass dann neue Helden des Alltags bereitstehen, aus dem Hintergrund nach vorn zu treten.

Diese Heldentaten besingt kein Homer, nur manchmal doch ein Capra. Dennoch müssen sie vollbracht werden. Weil die Welt sich sonst nicht weiterdreht.

f8 - 1/250s - 150mm - ISO 100 - 07/2016





Bienenfresser im Flug

22.12.2016

72| Ein Spiel dauert 90 Minuten

Eine Biene ist so gut wie wehrlos, wenn ein Bienenfresser naht. Dennoch gibt es nach wie vor Bienen auf der Welt. Denn der bunte Vogel kann in seinem Schnabel immer nur eine Biene schnappen. Und obwohl er den ganzen Tag unermüdlich eine Imme nach der anderen zur Nisthöhle bringt, ist er nicht in der Lage, den Bestand eines Bienenvolkes ernsthaft zu gefährden.

Ein Mensch dagegen hätte schon nach einem Tag solch mühseliger Tätigkeit eine Möglichkeit zur Effizienzsteigerung erdacht. Das ist schlau und wir Menschen sind zu recht stolz auf dieses Talent. Nicht so schlau ist es, über das Ziel hinauszuschießen und die Ausbeutung einer Ressource immer weiter zu verbessern, bis es nichts mehr zu holen gibt. Deshalb gibt es zum Beispiel keine Moas mehr. Es gilt also auch hier die alte Fußball-Weisheit: "Kopf hoch". Dann bekommt man nämlich etwas mehr Übersicht. Die muss man aber auch klug zu nutzen wissen. Man darf gespannt sein.

f13 - 1/400s - 300mm - ISO 100 - 07/2016





Kaiserdom Königslutter

21.12.2016

71| Bereite dich, Zion

Die Vorweihnachtszeit - auch in meiner kleinen Heimatstadt ist das für viele eine Phase hektischer Betriebsamkeit auf der Suche nach der besinnlichen, bedeutsamen Weihnacht. Und hätte man nicht schon genug damit zu tun, Geschenkkauf, Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmarktbesuche im engen Korsett des Advents unterzubringen, gilt es auch noch, die traditionellen weihnachtlichen Konzerte in der lutherischen Stadtkirche nicht zu verpassen.

Also noch ein kräftezehrender Termin, möchte man meinen. Für die Akteure des Abends gewiss, denn sie werden vom alten Meister Bach gut ausgelastet. Aber das Publikum schwebt in den Wolken. Die Musik ist kunstvoll komponiert und aufgeführt. Die reichhaltige Struktur der Lieder zieht die Hörer unmerklich in von Staunen und Begeisterung getragene Trance.

Für mich endet hier die Anspannung der Vorweihnachtszeit. Ein tiefes Glücksgefühl überschwemmt mich.

Weihnachten kann kommen.

In diesen Augenblicken scheint es undenkbar, dass diese kleine Stadt vor wenigen Jahrzehnten Teil barbarischer Gewaltexzesse war. Eine Kleinstadt, die an einem schäbigen Montagabend eine Kirche von über tausend Plätzen mit friedliebenden, feingeistigen Menschen zu füllen vermag, kann doch nicht von Grund auf schlecht sein. Die Wirkung der genialen Musik ist so berauschend, dass es sogar scheint, als wäre an diesem Abend die gesamte Menschheit dem Zugriff des Bösen entkommen.

Wieder zuhause braucht es nur ein paar Klicks im Neuland, um diese Illusion verdunsten zu lassen. Und trotzdem oder gerade deshalb: Nun soll es Weihnachten werden!

f2.8 - 1/10s - 157mm - ISO 100 - 09/2010





Sonnenschein nach einem Gewitter

10.11.2016

62| Aufstehen

Es kommt ohne Warnung wie ein Gewitter an einem Sonnentag. Der Anlass ist bei nüchterner Betrachtung eher nichtig. Etwas ist misslungen, verloren gegangen oder hat mich enttäuscht. Plötzlich wird die Haut papierdünn. Ich spüre, wie nah ich mich am Abgrund bewege. Eine unbedachte Bemerkung, eine Unaufmerksamkeit, eine Nichtachtung fällt dann auf fruchtbaren Boden: die Welt verdüstert sich.

Jetzt kann ich nur noch Unterschlupf suchen. Warten, bis das Unwetter vorübergezogen ist. In dieser Phase scheint es undenkbar, aus eigener Kraft aufzustehen. Aber das Leben geht weiter, auch wenn ich abgetaucht bin. Und so quäle ich mich nach einer kalten Nacht widerwillig wieder hervor, trete aus dem Haus.

Und es trifft mich die schneidende Kälte des noch ungeborenen Morgens. Der Himmel ist frei, die dunklen Wolken sind nur noch drohende Erinnerung, die mit jedem dampfenden Atemzug blasser wird. Ich schwinge mich auf das Rad und der Körper nimmt sehnsüchtig seine gewohnte Arbeit auf. Die kreisenden Gedanken finden einen Ruhepol. Auf, ab, auf, ab. Ich bin jetzt nur noch eine perfekte Maschine, Atem und Herzschlag geben den Takt ohne mein Zutun. So finde ich zu meiner Energie zurück. Wenn ich ankomme, bin ich wieder stark genug für einen fordernden Tag. Aber ich habe das Dunkle gesehen und bin dankbar, wieder im Hellen zu sein.

f11 - 1/500s - 105mm - ISO 100 - 07/2016





Lehrerin und Schülerin

03.11.2016

60| Lehren lernen

Mein Leben lang war ich Schüler. Nicht nur in der Schule, jeden Tag - auch heute noch - lerne ich mit großer Freude. Von jedem Menschen, mit dem ich spreche und arbeite. Ich lerne von Erfolgen und Misserfolgen. Am meisten aber lerne ich von den Menschen, die ich lehre.

In meiner Anfangszeit als Lehrer lernte ich Verständnis. Zu verstehen, wie der Schüler denkt, was er für das Lernen braucht.
Dann lernte ich zu ordnen. Was man lehren soll, in welcher Reihenfolge, in welchem Tempo.
Dann lernte ich zu schweigen. Damit der Schüler Raum für seine eigene Erfahrung findet.
Und dann lernte ich zu lernen. Dass ich der Schüler bin, auch wenn ich lehre.
Lehren und Lernen ist wie ein Tanz. Nur gemeinsam wird es freudvoll und fruchtbar.
Hoffentlich verlerne ich niemals zu tanzen, bis zum Ende.

f3.3 - 1/125s - 157mm - ISO 100 - 04/2010





Frau mit Kind in Jade Water Village (Yù Shuĭ Zhài)

23.10.2016

56| Hüter meines Bruders

In meinem Alltag komme ich täglich in Situationen, in denen ich mich aufgefordert fühle. Es liegt eine prall mit Müll gefüllte Schnellmampftüte mitten auf meinem Lieblingsspazierweg - ich sollte sie zum nächsten Mülleimer tragen. Eine junge Frau legt im Nahverkehrszug ihre Schuhe auf das Polster des gegenüberliegenden Sitzes - ich sollte ihr beibringen, was ihre Eltern offensichtlich nicht vollbracht haben. Ein alter Mann liegt auf einem regennassen Zebrastreifen und blutet - ich muss anhalten und Erste Hilfe leisten. Ein kleines Kind steht verloren in der Menschenmenge - ich sollte ihm helfen die Eltern wiederzufinden.

Diese Aufforderungen haben verschiedene Ursprünge. Sie können von außen stammen oder inneren Quellen entspringen. Sie sprechen unterschiedliche Werte in mir an. Beispiele für solche Werte sind mein Streben nach einer funktionierenden Gesellschaft, meinen Wunsch nach Reinlichkeit, meine Pflicht Gesetze zu befolgen, mein Gewissen als humanistisches Wesen, mein Beschützerinstinkt.

Gleich welchen Ursprungs sie sind und was sie in mir anzusprechen suchen, die Aufforderungen geraten alle in die innere Bewertungsmaschinerie, die entscheiden muss, ob ich ihnen Folge leisten werde oder nicht. Meist bin ich im Zwiespalt unterschiedlicher Bestrebungen. Die Aufforderung kann mit besonderen Mühen oder Risiken verbunden sein. Oder ich fühle mich zeitlich überfordert. Dieses innere Ringen kann je nach Tagesform und -zeit anders ausgehen. Konsequenz und Verlässlichkeit sieht so nicht aus.

Die wichtigsten Widersacher im Entscheidungsstreit sind Verantwortung und Abgrenzung. Einerseits fühle ich mich zuständig für die Behebung eines Missstandes schon deshalb, weil ich ihn bemerkt habe. Wegschauen ist dann aktive Feigheit. Das ist die Verantwortung. Andererseits sage ich mir: "Warum soll ich die Probleme fremder Menschen lösen; was geht mich das an?" Das ist die Abgrenzung von dem Missstand. Jemand anders wird schon zuständig sein.

Die Abwägung ist immer eine schwierige Angelegenheit und je weiter das Problemfeld von meinem persönlichen Lebensstandpunkt entfernt ist, desto schwerer hat es die Verantwortung. Deshalb werde ich meinem Bruder sicher mit weniger Zögern Hilfe anbieten können als meinen Mitmenschen auf einem anderen Kontinent.

Unerwartete Unterstützung erhielt die Verantwortung in mir unlängst von einem alten Mann, der die Todesmaschine der Konzentrationslager überlebt hat. Sein Glaube an das Gute im Menschen wurde vor langer Zeit gerettet von einem Mann, der einem SS-Offizier seine offensichtliche Aufsässigkeit im humanitären Einsatz für Juden mit den Worten begründete "... weil es meine Pflicht als Mensch war!". Es gibt also auch in solchen Extremsituationen Menschen, die die Pflicht zu helfen höher einschätzen als ihren Überlebenswillen. Dieses Niveau ist mir sicher zu hoch, aber ich kann versuchen, in Zukunft nicht mehr so kleinmütig zu sein, wenn es im Grunde doch nur um kleine Herausforderungen und um kleine Opfer zu ihrem Bestehen geht. Und was bliebe denn auch am Ende von einem Leben übrig, wenn man es ausschließlich für sich selbst geführt hätte?

f4.5 - 1/90s - 120mm - ISO 100 - 11/2008





Ein Herz aus Stein

21.10.2016

55| Das Paradies ist hier

Die Suche nach einer zweiten Erde läuft auf vollen Touren. Viele Teleskope sind in den Himmel gerichtet, um Welten aufzuspüren, die ähnlich gut für uns geeignet sind wie unser Planet. Die reine Entdeckerfreude wird dabei mehr und mehr von einem anderen Argument für diese Suche übertönt. Täglich dringender haben wir einen Ersatz-Planeten nötig, weil unser gegenwärtiger durch Raubbau immer schneller in die Abnutzung getrieben zu werden scheint.

Auch wenn uns die Reise zu einem solchen Planeten vermutlich noch für Jahrhunderte verwehrt bleiben wird, lenkt schon die gedankliche Möglichkeit der Auswanderung von der Lösung grundlegender Probleme ab. Immer wieder haben Eroberungen und die Kolonisierung schon in der Vergangenheit als Ventil für katastrophale Fehlentwicklungen gedient. Nun steht erstmals kein unverbrauchter Lebensraum dafür zur Verfügung. Und es käme der Reifung der menschlichen Gesellschaft zugute, wenn sie sich diesmal den Konsequenzen stellen und echte Lösungen finden müsste.

Denn es lohnt sich, den alten Planeten Erde noch nicht auf den Müllhaufen zu werfen. Zum Einen dürfte es schwer fallen, eine Weltkugel zu finden, die ähnlich perfekt auf unsere Bedürfnisse abgestimmt ist. Und zum Anderen - mag es auch für die vielen heute hungernden und leidenden Menschen wie Hohn klingen - könnten wir hier im Paradies leben. Dies ist unserer Welt. Seit Jahrmillionen haben sich unsere Vorfahren an jeden Aspekt dieser Welt angepasst. Wir sind ihr so hauteng auf den Leib geschneidert, dass wir keine andere so perfekt werden kleiden können.

Jeder Ausflug in die halbwegs unbeschädigte Natur bringt es an den Tag, dass wir hier willkommen sind. Dass wir hier hingehören und mit uns alle anderen Lebewesen. Höchste Zeit, dass wir dazu übergehen, die uns entgegengebrachte Liebe zu erwidern.

f2.8 - 1/125s - 300mm - ISO 100 - 10/2016





Blase in einer Pfütze bei Regen

17.10.2016

52| Dünne Haut

Ein verregneter Tag ist ideal, um im Wald allein zu sein. Nur wenige Wanderer wagen sich dann weiter als 10 Gehminuten vom Parkplatz in die Natur. So findet man Ruhe und die Gedanken können ungestört ihrer Wege gehen.

Im Blätterdach sammelt sich der feine Regen zu großen Tropfen, die sich auf die Reise nach unten begeben und mit beachtlicher Energie am Boden ankommen. Treffen sie dort auf eine ausreichend tiefe Pfütze, können sie im Wasser beeindruckende Blasen aufwerfen. Diese halten sich viele Sekunden und sind in dieser Zeit wie ein eigener kleiner Kosmos. Eine abgeschlossene Welt, im perfekten Gleichgewicht von Schwerkraft, Luftdruck und Oberflächenspannung. Die hauchdünne Haut der perfekten Fast-Halbkugel glitzert wie sauberes Glas, zeigt dem Betrachter die ganze Umgebung im Spiegel-Rundblick.

Im Inneren scheint Ruhe und Frieden zu herrschen. Alles Hektische und Böse in und um uns ist dort gebannt. Allein der Gedanke, für eine Weile in solch einem Refugium weilen zu dürfen, beruhigt den, der sich die Zeit nimmt, an der Pfütze etwas auszuharren.

Und doch, gerade wenn sich die wohlige Wärme dieses Sedativs im Herzen durchzusetzen beginnt - ist die kleine Blase mit einem unhörbaren Knall einfach weg. Und die Kälte der Welt ist wieder da, so wie wir es gewohnt sind.

Da hilft nur, stehen zu bleiben und auf das nächste filigrane Miniparadies zu warten. Es besteht Suchtgefahr.

f2.8 - 1/20s - 300mm - ISO 100 - 10/2016





Montage mit Hand und Kerzenflamme

16.10.2016

51| Vivir deliberadamente


Dejo de quejarme
Vuelvo a preguntar
Sigo soñando
Empiezo a actuar











Wanderer auf dem Piatra Secuiului

05.09.2016

32| vorangehen

Wie nur bringt man Menschen zur Vernunft? Wie überzeugt man sie von einer neuen Idee? Wie bewegt man sie?

Man kann Reden halten, Bücher schreiben oder Gesetze erlassen. Der Erfolg ist meist nur dürftig. Es ist nur wenigen vergönnt, große gesellschaftliche Veränderungen so zentral zu bewirken.

Es ist aber keineswegs so, dass wir kleinen Leute machtlos sind. Denn es gibt noch die mühsame Methode des Vorangehens. Nichts überzeugt mehr als das unmittelbar erlebte Beispiel.

Und so bücke ich mich zum Beispiel auf meinem Sonntagslauf nach jedem Stückchen Müll im Wald. Nur so kann ich meine Strecke wieder genießbar bekommen. Und wenn ich dabei beobachtet werde, zeigt es anderen, wie es geht. Irgendwann machen vielleicht manche mit. Und wenn nicht, so ist wenigstens meine Sonntags-Strecke sauber.

In der großen weiten Welt funktioniert es nicht anders. Wenn ein Unternehmen die Leute von einem neuen Produkt überzeugen möchte, zeigt es Werbung, in der Menschen vormachen, wie man es kauft und benutzt. Der Mensch ist nun einmal ein soziales Wesen. Nachmachen funktioniert im Guten wie im Bösen. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die guten Beispiele in der Überzahl bleiben.

f5.6 - 1/2000s - 300mm - ISO 100 - 07/2016





alter Trabi

05.04.2016

7| Alter vor Schönheit

Neue Dinge begeistern durch Makellosigkeit und Funktionalität am Rande des Machbaren. Alte Dinge können da nicht mithalten, müssen sie aber auch nicht. Weder sollen sie den neuesten Stand repräsentieren, noch müssen sie frei von Schrammen sein. Dadurch entgehen sie auch dem Erneuerungswahn, der zum Beispiel ein Jahr alte Mobiltelefone als reif für den Austausch versteht. Und der Nutzer dieser alten Dinge kann die technische Entwicklung, den allmählichen Glanzverlust und den Fall des Wiederverkaufswertes entspannt auf sich zukommen lassen. Um zu diesem Stadium zu gelangen, muss man nicht warten, bis der Neukauf endlich durch Alterung das Hamsterrad der Aktualität verlassen hat. Eine Abkürzung bietet der Kauf von neuen, aber bereits veralteten Dingen, wodurch man in die entspannte Phase gelangt, ohne auf neuwertige Qualität verzichten zu müssen. Ganz konsequent ist der Kauf von gebrauchten Dingen. Hier sind die nervenschonenden Schrammen meist im Preis inbegriffen. Doch auf dem Gebrauchtmarkt lauert das Gespenst des verdeckten Mangels. Denn ein Gegenstand, der nicht funktioniert, verbreitet nur Frust, keine Entspannung.

Deshalb bevorzuge ich die Variante des bewussten Langzeitkaufs. Hierbei wird bereits bei der Auswahl des Gegenstandes auf lange Nutzung geachtet. Mit dieser Vorgabe darf man nicht mit den günstigsten Schnäppchen rechnen, auf lange Sicht rechnet sich aber auch ein höherer Preis für höhere Qualität. Und dann hält auch die Freude über einen hochwertigen Gegenstand einfach länger.

Damit kommen wir zur Haltbarkeit. Wenn schon die Anschaffung auf lange Nutzung zielt, kommt man um Pflege und Wartung nicht herum. Das heißt, es entsteht eine Beziehung zum Gegenstand, die dem Nutzer auch einiges abverlangt. Konsum im Sinne von verschwenderischem Verbrauch hat da keinen Platz. Dafür verleiht diese Beziehung dem Gegenstand eine Würde, die auch Schrammen und leichte Funktionseinschränkungen verzeihen hilft. Gelegentlich hört man dann, ein Gegenstand hätte Charakter. Natürlich kann ein Ding weder Charakter noch Würde aufweisen. Diese Attribute erhält er ausschließlich durch eine achtsame Behandlung durch den Nutzer. Umgekehrt kann ein Gegenstand durch achtloses Verbrauchen schnell zu Müll verkommen, was das Problem der Entsorgung aufwirft. Einen achtsam genutzten Gegenstand wird man nicht einfach in den Straßengraben werfen. Sie können ja mal schauen, was am Rande unserer Landstraßen so herumliegt. Es sind dort ausschließlich vermeintlich wertlose, ja würdelose Massenartikel zu finden. Ein geachteter Gegenstand wird entweder in gute Hände zur Nachnutzung gegeben oder korrekt entsorgt.

Damit erfüllt der bewusste Langzeitkauf mehrere nützliche Zwecke. Es werden nur reifliche überlegte Käufe getätigt, die Herstellung von hochwertiger Ware wird gefördert, der Nutzer profitiert von mehr Achtsamkeit in seinem Leben und die Welt wird weniger durch Müll belastet.

Und das Beste: ein vernünftiger Umgang mit alternden Gegenständen könnte auch ein Bewusstsein schaffen für einen würdigen Umgang mit alternden Menschen, sich selbst eingeschlossen.





Spiegelung

07.03.2016

1| Platztausch

Der Mensch versteht sich als Entdecker, der zu neuen Ufern aufbricht, jeden Tag das Unbekannte sucht. Doch die meisten von uns neigen zur Bequemlichkeit und Sicherheit. Abläufe und Traditionen, die sich einmal gefestigt haben, werden mit großer Hartnäckigkeit gegen jede Veränderung verteidigt. Das spürt man deutlich auf Reisen im Ausland, wo so vieles gegen unsere Gewohnheiten abläuft. Aber auch zuhause bleiben die meisten gern beim Bewährten, nur dass es dort nicht auffällt. Der Vorteil liegt in der Automation, die sich einstellt, wenn wir Handlungen häufiger ausführen. Weil Dinge, die immer am selben Platz liegen, schneller gefunden werden, ist es sinnvoll, Ordnungssysteme einzuhalten. Weil gut eingeübte Bewegungen uns keine Aufmerksamkeit mehr abfordern, lernt niemand zum Beispiel das Schleifebinden mehr als einmal, obwohl es unterschiedliche Methoden gibt. Und wer nicht jeden Morgen aufs Neue darüber grübelt, ob er lieber links oder rechts am Tisch frühstücken möchte, spart Aufmerksamkeit und Energie für anspruchsvollere Fragen.

Diese Optimierungs-Taktik hat aber auch seine Schattenseiten. Haben wir uns in einer Situation einmal vermeintlich perfekt eingerichtet, kann uns fast nichts mehr aus diesem Paradies weglocken. Wir neigen dann dazu, den perfekten Strand in jedem Sommer wieder zu bereisen oder beim Bowling nur noch die Schuhe des Jahre zurückliegenden Triumphes zu tragen. So sammeln sich im Leben Automatismen an, deren Sinn möglicherweise bereits verloren gegangen ist oder auch nie einer kritischen Prüfung standgehalten hätte. Solche Gewohnheiten können den größten Teil des Tagesablaufs in betäubende Routine betten, so dass wir das Bewusstsein verlieren für die Dinge im Leben, die uns häufiger begegnen. Auf diese Weise kann Wertvolles unter die Räder kommen: Lebensfreude und Achtsamkeit.

Dagegen gibt es ein Rezept: Öfter einmal auch Bewährtes ändern. Das bietet neue Perspektiven und neue Freude an bisher möglicherweise als langweilig empfundenen Alltagstätigkeiten. Für solche Veränderungen muss man keine Revolution anzetteln. Auch im Kleinen liegt Lebensfreude verborgen.

Eine wichtige Quelle für Erneuerung liegt im Platzwechsel. Wo immer Sie einen Stammplatz haben - geben Sie ihn auf! Der Urlaubsort, das Stammlokal, der Platz am Esstisch, in der Besprechung. Überall kann man ohne viel Aufwand neue Perspektiven erleben und nebenbei Verständnis für andere Standpunkte gewinnen. Für Paare bietet sich als Sonderform des Platzwechsels der Tausch an, was besonders im Ehebett reizvoll sein kann, denn hier kann man nicht nur rechts-links, sondern auch oben-unten vertauschen.

Bei wiederholten Rundreisen kann man die Drehrichtung wechseln, beim An- und Auskleiden die Reihenfolge. Lieblingsfarben, Lieblingsgerichte und -getränke, man kann solche meist willkürlichen Einschränkungen der Lebensvielfalt ganz bewusst durchbrechen.

Etwas abstrakter, aber nicht minder wirkungsvoll sind Aufgabenwechsel in der Familie. Haben Sie bisher den Abwasch erledigt, während Ihr Partner fürs Abtrocknen zuständig war? Warum nicht einmal anders herum? Gerade im Haushalt gibt es unzählige Aufgabenverteilungen, die dem wirtschaftlichen Optimierungszwang der beruflichen Tätigkeiten entzogen sind. Hier kann man neue Eindrücke gewinnen und die Partnerschaft in der Familie neu beleben.

Und wenn man dann durch einen Wechsel festgestellt hat, dass die ursprüngliche Wahl doch das Optimum war, hindert ja nichts daran, wieder zurückzuwechseln. Nur, dass man nun weiß, warum man so entschieden hat.





Wildgänse

22.02.2016

10| Gute Reise

Gestern während des Waldlaufs war es wieder soweit. Eines der erhebendsten Geräusche im Jahreslauf jagte mir wieder einen Schauer über den Rücken. Die ersten Wildgänse waren zurück!

Begleitet von ihren so zerbrechlich klingenden Rufen glitt eine Schar von etwa zwanzig Vögeln über mich hinweg. Der Flügelschlag von beherrschter Kraft, Eleganz und Genügsamkeit. Ihr Flug ist ein Synonym für tapfere Beharrlichkeit. Diese auf Leichtigkeit getrimmten, zarten Wesen legen in kurzer Zeit scheinbar unaufhaltsam enorme Strecken zurück. Mit nichts als Ihren Körpern vollbringen sie dieses Meisterstück. Wenn wir aus unseren bequemen Wohnungen in die Ferne ziehen, wagen die meisten von uns sich nur mit einem Auto voller Ausrüstung hinaus. Aber diese Zugvögel sind ohne Reservekanister, ohne Arzt und Telefon ganz der Gnade der Umstände ausgesetzt. Das nötigt mir äußersten Respekt ab.

Mit dieser Mischung aus Staunen, Bewunderung und Jubeln verrenke ich mir jedes Jahr den Hals beim Überflug der ersten Formationen aus der südlichen Ferne. In ihren Rufen höre ich Triumpf und Hoffnung: "Wir leben noch und fliegen immer weiter!"

Wenn sie dann langsam außer Sicht kommen, ihre Rufe verhallen, bleibe ich zurück und werde mir meiner kleingeistigen Beschränktheit und Ängstlichkeit bewusst. Ich beneide sie um die Offenheit ihrer Lebensweise und schaudere beim Gedanken an die gnadenlose Härte ihrer Existenz. Nach diesen Begegnungen habe ich den Ruf der Gänse noch tagelang im Ohr. Voller Dankbarkeit und Demut wird mir die Sicherheit und Annehmlichkeit meines Lebens klar. Den Gänsen aber, schon weit entschwunden, schicke ich einen stummen Gruß hinterher:

Alles Gute, ihr Helden!





Abschied

11.02.2016

9| ein Abschied

Es kam nicht unerwartet. Eine lange qualvolle Krankheit findet ihr absehbares Ende. Wie bei einem Uhrwerk, dessen Feder abgelaufen ist, ist deine Zeit jetzt zu Ende gegangen. Und für einen Moment scheint die Zeit auch für mich tatsächlich stillzustehen. Ein Moment, in dem ich an dich denke, dich lachen sehe mit deinen schelmischen Augen, die so überquollen vor Liebe und Zärtlichkeit für deinen Mann, meinen Freund. Du warst eine tapfere Frau, die einen schweren Weg gegangen ist, der ihr die letzte Kraft abverlangt hat. Eines Tages werde auch ich dir folgen. Der Tod ist keine Katastrophe, sondern der Lauf der Dinge, unsere Bestimmung. Dennoch schmerzt es, deinen Fortgang zu erleben. Nicht weniger schmerzt es, meinen Freund nun so verlassen zu sehen.

Die Frage nach dem Sinn deines Todes lässt mich ratlos zurück. Ich kämpfe gegen Schuldgefühle dem Freund gegenüber, denn ich bin glücklich mit meiner geliebten Frau. Wir genießen das gemeinsame Leben, als ob es nie enden könnte. Das habe ich nicht verdient, so wie mein Freund seinen Verlust nicht verdient hat.

Ich finde keinen Sinn, aber eine Erkenntnis. Das Leben ist kostbar. Jeder einzelne Tag, jede Sekunde. Ich darf es nicht verschwenden. Aber es ist keine Verschwendung, es zu verschenken an die Menschen, die ich liebe. Kein Geschäftstermin kann so wichtig sein, wie das Glück meiner Frau, meiner Kinder.

Danke, liebe Freundin, für jeden Augenblick in deinem Leben, den du mir geschenkt hast. Nun kann ich es nur noch deinem Mann vergelten.

Es wird mir eine Ehre sein!





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