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Mitmenschen


Badestelle an der Mrežinca bei Duga Resa

04.11.2017

97| Bubensommer

Eine Badestelle am Fluß. Mitten im Sommer, der kein Ende zu nehmen scheint. Vier Jungs erleben die letzten Ferien ganz unter sich. Jeden Tag am Fluß, im Wasser. Es zählen nur die Abenteuer, die Freundschaft. Sie stehen an der Schwelle zu einem neuen Leben. Schon der nächste Sommer wird angefüllt sein vom Duft und Gelächter junger Mädchen und vom Wettstreit um ihre Gunst. Aber jetzt noch nicht. Jetzt noch dürfen sie ganz Buben sein, Träume spinnen, Grenzen ausloten. Jahrzehnte später werden sie als Männer in den besten Jahren das Treiben der Jungen am Fluss mit nachsichtigem Wehmut beobachten und sich dankbar erinnern an die Wärme dieses Sommers, der für immer ein kleines Glühen in ihren Herzen zurückgelassen hat.

f5 - 1/400s - 157mm - ISO 100 - 07/2017





Elien und Arie in Remetea

12.02.2017

84| Herzenswärme inklusive

Die gute Seele des Zeltplatzes von Remetea ist Elien. Unterstützt von ihrem Mann Arie residiert sie den Sommer über im Wohnwagenanhänger auf dem Gelände. Dieser Zeltplatz ist der komfortabelste, den wir in Rumänien gefunden haben, ohne in unsinnigem Luxus zu versinken. Es ist einfach alles so, wie man es sich als Zelter wünscht und es ist gut in Schuss. Sauber ist es auch, dank Elien. Zusätzlich fühlt man sich vom ersten Augenblick an willkommen und in die Familie aufgenommen. Und wenn man in der Lage ist, diesen Vorschuss an Freundlichkeit zu erwidern, erfährt man unvergessliche Herzlichkeit.

Aus Ungarn kommend führt der Weg fast zwangsläufig auf diesem Zeltplatz. Und wenn man erst einmal da ist, fällt der Abschied schwer. Wir konnten uns nach einigen Tagen doch losreißen, aber zum Abschluss der Rundreise kehrten wir fast reumütig für die letzte Nacht in Rumänien zurück.

Wer die unsägliche Kasernenhof-Atmosphäre mancher deutscher Zeltplätze gewohnt ist, merkt plötzlich, dass man Gastlichkeit nicht in Kategorien pressen kann. Wir haben uns jedenfalls bei Elien und Arie wohler gefühlt als in Vier- und Fünfsterne-Hotels rund um die Welt.

f7.1 - 1/200s - 232mm - ISO 100 - 07/2016





Vladimirs Pension mit orstüblichem Putzornament

12.11.2016

63| Vladimir

In Ciocăneşti im Nordosten Rumäniens gibt es wunderschöne Berge und die Häuser sind mit einzigartigen Stuckornamenten verziert. Die wahre Attraktion in dieser Gegend ist aber Vladimir. Er ist eigentlich Ingenieur und hat in jungen Jahren in Bucuresţi Flugzeuge konstruiert. Später hat er als Lehrer gearbeitet, um sich nun dem Betrieb seiner Pension (Camping, Bed and Breakfast 'Vladimir'; N47°29'44,3'', E25°15'32,0''; vladimir_tomoiaga@yahoo.fr) zu widmen. Dort macht er alles: Hotelier, Hausmeister, Koch, Reiseveranstalter, Dolmetscher). Für die Bewirtung seiner Gäste hat er eigens Profi-Gerät aus Frankreich herangeschafft. Wer sich fürs Kochen interessiert zeigt, darf in seiner Küche den wahrhaft galaktischen Herd bewundern. Und die Ergebnisse rechtfertigen diesen Aufwand durchaus.

Vladimirs Laufzettel für eine Tageswanderung

Neben all diesen Aktivitäten findet er noch ausreichend Zeit, mit seinen Gästen zu sprechen. Und zwar auf Rumänisch, Französisch, Englisch, Polnisch, Deutsch und Tschechisch. Das ist die Auswahl, die ich selbst dort erlebt habe und, wenn auch teilweise nur bröckchenhaft, beurteilen kann. Wahrscheinlich hat er aber auch mindestens noch Russisch und Chinesisch im Programm. So erhält man wertvolle Hinweise für Wanderungen in der Umgebung. Darüber hinaus kann er über jedes Thema sprechen, das seine Gäste interessiert, denn er hat ein bewegtes Leben hinter sich. Und vor sich auch, Ideen für die Zukunft gehen ihm anscheinend nicht aus. So hatte er großen Anteil an dem Aufbau eines kleinen Klosters in den Bergen (siehe Skizze rechts unten) und der Kirche auf dem Grundstück seines Bruders nebenan. Ein noch laufendes Projekt betrifft einen kleinen Rodellift für die Kinder des Ortes und vielleicht auch für Touristen.

Vladimir Tomoiaga

Mit uns sprach er viel über seine Hunde. Die leben, wie in Rumänien häufig, im Familien-Rudel, wo sie ihre Grundausbildung in Sozialkunde erhalten. Das tut ihrem Charakter sehr gut, was man im Umgang mit ihnen erlebt und auch aus Vladimirs Geschichten heraushört. Sein ältester Hund zum Beispiel hat einen Welpen aufopferungsvoll adoptiert, nachdem Wölfe die Mutter eines Nachts gerissen hatten. Beide leben noch immer im Rudel und man merkt ihnen an, dass sie ein ähnlich tiefes Seelenleben führen wie wir. Das heißt aber auch, dass diese Hunde keine Gehorsams-Automaten sind, sondern eigene Persönlichkeiten. So muss er ab und zu, wie ein gütiger Vater, ein Auge zudrücken und auf die strikte Durchsetzung von Regeln großzügig verzichten können. Und ein gütiger Vater ist Vladimir auch seinen Gästen gegenüber!





Wein und gefülltes Fladenbrot bei Popas

12.10.2016

48| Mit Ioan im Weinberg

Remetea ist ein kleiner Ort im ungarisch dominierten Teil Rumäniens. Wie überall im Land sieht man noch an vielen Stellen die Auswirkungen von jahrzehntelanger Misswirtschaft des Ceauşescu-Regimes. Die Kirchen bilden eine Ausnahme, sie sind zum größten Teil prächtig instand gesetzt oder sogar Neubauten. Auch Remetea hat zwei sehenswerte Kirchen. Man muss nur die Leute mit dem Schlüssel finden. Bei der Suche fanden wir nebenbei die Familie von Ioan Popa, der uns auf der Stelle adoptierte. Er kredenzte uns seinen Rotwein zu Plăcintă. Das ist gefülltes Backwerk aus Kartoffeln und Ei. Die Füllung aus Ziegenkäse war natürlich auch Eigenproduktion. Und nachdem wir auf der bisherigen Reise einigen Rückstand oder sogar Verfall gesehen hatten, lernten wir hier die aufstrebende, wachsende Seite des Landes kennen. Es gab junge Leute und kleine Kinder in der Familie und Ioan hat große Pläne mit seinem Weinberg.


Popas Weinberg

Gerade erst hat er mit seinem Sohn neue Rebstöcke angepflanzt, einen Obstgarten angelegt und eine schöne Hütte auf dem Weinberg gebaut. Er setzt mit diesen Aktivitäten auf einen wachsenden Tourismus. Und der hat tatsächlich eine gute Basis dort am Fuße des Apuseni-Gebirges. Wandern, Natur und Wein - dieses Konzept ging auch schon anderorts auf.




Ioan Popa

Es gibt also noch unternehmungslustige Menschen in diesem von Emigration gebeutelten Land. Von solchen kann eine Gesellschaft nie genug haben. Mir imponiert die positive Einstellung und Zielstrebigkeit, mit der Ioan und seine Familie ihre Träume verwirklichen. Zusätzlich ist Ioan auch noch ein Mensch von überquellender Freundlichkeit. Ich kann ihm nur viel Glück mit seinen Aktivitäten wünschen und jedem einen Besuch bei Ioan in Remetea empfehlen. Einfach in Richtung Kirchtürme gehen und die Leute fragen!











Heimatmuseum in Remetea

08.10.2016

42| Die Geschichte einer Generation

Wenn Sie in Rimetea bei Oradea, im Westen Rumäniens, das Heimatmuseum besuchen wollen, schickt man Sie zu Frau Gergely. Sie verwahrt den Schlüssel und das hat seinen Grund. Denn das Museum wurde von ihren Söhnen gegründet. Die ganze Geschichte erfährt man, sofern man mit offenen Ohren erscheint.

Frau Gergely aus Remetea

Für uns unterbrach sie ihr Abendessen, die offenen Ohren muss sie uns schon von weitem angesehen haben. Denn anstatt uns den Schlüssel auszuhändigen und uns ziehen zu lassen, erzählte sie uns die Geschichte dieses Museums, die die Geschichte ihrer Familie ist. Die Geschichte besteht aus den Requisiten, die im Europa des letzten Jahrhunderts in vielen Familien die Lebensläufe möbliert haben: Krieg, Hunger, Enteignung, Gewalt, Ungerechtigkeit, Armut. Dass diesmal die Vertreibung nicht dabei war, die aus den Berichten meiner Familie nicht wegzudenken ist, macht sie nicht erträglicher.

Frau Gergelys Geschichte aber ist keine Litanei des Wehklagens. In wunderschönem, melodischem Rumänisch spricht diese aufrechte Frau auch von der Art, wie ihre Familie mit dem fertig geworden ist, was die Umstände von ihr gefordert haben. Mit Liebe, Mut, Fleiß und Vertrauen haben die Geplagten dieser schweren Zeiten ihr Leben so gut gelebt, wie sie konnten. Und auch Frau Gergely hat mit diesen Zutaten Erstaunliches vollbracht. Zwei Söhne haben studiert und einen Beruf gefunden. Sie sind so wohlgeraten in dieser missratenen Zeit, dass sie das Museum aus eigenem Antrieb und aus eigener Kraft dem Dorf zur Verfügung stellten.

altes Werkzeug im Heimatmuseum Remetea

Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen. Und obwohl unsere heutigen für viele außerhalb Europas wie Luxusprobleme aussehen, fordern sie dennoch von uns dieselben Eigenschaften, die damals die Familie Gergely gerettet haben. Gebratene Tauben fliegen uns auch heute nicht in den Mund. Wenn wir nachlassen, unsere Welt mit Liebe, Mut, Fleiß und Vertrauen zu bewahren, werden wir sie verlieren, wie die Generation meiner Großeltern ihre Welt verloren hat.





Rolf Wehrli mit Reitpferd

24.09.2016

35| Tiere sind auch nur Menschen

Meine Kenntnis über Ungarn speiste sich bisher aus dem Film "Ich denk' so oft an Piroschka". Meine Erwartung an einen Zeltplatz in der Puszta beinhaltete weites, flaches Land und braungebrannte, langhaarige Reiter, die eine unmögliche Sprache sprechen. Was wir diesen Sommer in der Somodi Tanya in Fülöpháza fanden, überraschte in vielerlei Hinsicht.

Der Zeltplatz ist eigentlich ein Reiterhof, mit Ponys und auch großen, eleganten Pferden, Eseln, Hunden und den vielen Tieren, die hier im Nationalpark sowieso vorkommen. Und der Geschäftsführer und Pferdewirt ist Schweizer und verbreitet eine wohltuende innere Ruhe, die mir schon öfter an diesen Landsleuten aufgefallen ist. Er spricht natürlich auch Deutsch - am liebsten über Tiere. Über seine Tiere und auch über die Wildtiere in dieser Gegend. Und wenn er das tut, bekommen alle diese Geschöpfe liebevoll eine Seele von ihm eingehaucht. Natürlich hatten sie die auch schon vorher. Aber wenn man wie ich aus Niedersachsen kommt, wo Tiere eigentlich nur noch als wehr- und würdelose Fleischlieferanten wahrgenommen werden können, kann man von ihm neu lernen. Dass Tiere ein tiefes Innenleben haben. Dass man mit ihnen kommunizieren kann und muss. Dass sie voller Würde leben, wenn man sie lässt. Und dass sie unseren Respekt verdienen. Er schafft das scheinbar unabsichtlich, indem er ihre kleinen, fast schon menschlich anmutenden Macken und Eigenarten voller Humor und verständnisvoller Wärme in unerschöpflichen Anekdoten ausmalt.

Natürlich kann man auf diesem Reiterhof auch reiten, doch für mich als Nichtreiter waren diese Gespräche die eigentliche Attraktion des Hofes. Hier fand ich auch einen neuen, kommunikativen Zugang zu Hunden, die als Hofhunde getarnt den erzieherischen Ansatz ihres Herrchens in ergänzenden praktischen Übungen an den Mann bringen. Es ist also ein Ort, den ich allen ans Herz legen kann, die vom leider so üblichen zynischen Umgang mit Tieren Erholung und Neuausrichtung brauchen.

Die nächste Überraschung betrifft die Puszta, die gar nicht flach und baumlos ist. Sie besteht hier aus Dünen, die aus dem Donautal angeweht wurden und sich zu sanften Wellen angeordnet haben. Es ist eine Heidelandschaft von ganz eigenem Reiz, dominiert von Silberpappeln.

Balázs Maria vor Ihrem Reitergasthof

Der Reiterhof ist eigentlich ein Reitergasthof. Als weitere Geschäftsführerin steht Balázs Maria diesem Gasthof vor. Die ungarische Küche, die sie präsentiert, hält allen Erwartungen stand, die sich bei mir durch Hörensagen gebildet haben. Die Überraschung ist, diese Bewirtung so weit weg von städtischem Umfeld mitten im Nationalpark vorzufinden. Sie verbindet die Gaumenfreuden mit herzlichem, natürlichem Charme, sodass ich mich sofort pudelwohl gefühlt habe.

Man sieht hier zwei Menschen am Werk, die ihrer Arbeit mit Inbrunst und Liebe nachgehen. Womit dann auch klar wird, dass sogar der Mensch für ein Leben in Würde geschaffen ist.

f5.6 - 1/125s - 112mm - ISO 100 - 07/2016
f5.6 - 1/200s - 112mm - ISO 100 - 07/2016





Vater und Sohn auf dem Traktor

07.09.2016

33| Vater und Sohn

Wenn ich mir einen Vater wünschen könnte, wie sollte er sein? Als Kind konnte ich diese Frage noch spontan beantworten. Er sollte lieb sein, mit mir spielen und ein Vorbild sein.

Je älter ich wurde, desto mehr wurde mir bewusst, dass dies nicht alles sein konnte.

Ein Vater muss auch streng sein. Er darf nicht immer spielen, sondern muss sich ernsthaft mit seinem Beruf und seinem eigenen Lebensglück beschäftigen. Weil er sonst kein Vorbild sein kann.

Viele Anforderungen schließen sich gegenseitig aus. Er muss beschützen, darf aber nicht einengen. Muss verzeihen können, darf aber nicht alles durchgehen lassen. Muss der Kinder Held sein, sie aber auch den Umgang mit dem Scheitern lehren. Und er muss die Kinder lieben, weil er gar nicht anders kann. Es ist seine Natur. Und doch muss er sie scheinbar gleichgültig in jenes Unglück laufen lassen, das man Erwachsenwerden nennt. Und er muss sie immer wieder auffangen, wenn sie es doch noch nicht alleine schaffen - und sie dann wieder losschicken, als hätte er keine Angst um sie.

Heute ist mir klar, Vater sein ist eine unlösbare Aufgabe. Es kann nur darum gehen, das Ausmaß des Versagens in erträglichen Grenzen zu halten.

Und es ist eine undankbare Aufgabe, denn Kinder nehmen die Vaterschaft als selbstverständlich hin, sei sie nun gelungen oder nicht. Nein, einen Dank kann man nicht erwarten, weiß man doch als Vater, wie man den eigenen in dieser Hinsicht knapp gehalten hat. Und so speist sich die Energie eines Vaters zum nicht kleinen Teil aus dem Vorsatz, an den Kindern die Versäumnisse dem eigenen Vater gegenüber zu kompensieren.

Und wenn es auch kein Dank geben wird, so doch wenigstens die Versicherung, es halbwegs gut gemacht zu haben. Denn Grund zu Selbstzweifeln liefert eine Vaterschaft reichlich.

Wenn ich mir also heute, nachdem ich viele Jahrzehnte Sohn und Vater sein durfte, einen Vater wünschen dürfte, ich wüsste nicht, wie ich den mir gegebenen verbessern könnte. Er hat mir alles gegeben, was ich brauchte, um einen glücklichen Jungen aus mir zu machen. Und er gibt es mir noch heute. Er hatte die Größe, mit seiner zwangsläufigen Unzulänglichkeit ein Auskommen zu finden und ermöglicht mir damit, an meiner eigenen Unzulänglichkeit nicht zu verzweifeln.

Deshalb möchte ich es heute deutlich machen: Du bist mein Vater. Ich bin stolz und dankbar, dein Sohn zu sein. Obwohl du nicht immer alles richtig gemacht hast, weil das gar nicht möglich ist. Aber du hast es immer auf die richtige Weise getan. Ich kann nur hoffen, meinen Kindern ein vergleichbarer Vater zu sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

f6.3 - 1/160s - 300mm - ISO 100 - 07/2016





2er-Kanu mit Steuerhund auf der Donau

03.09.2016

31| 2er-Kanu mit Steuerhund

Ein Hund, den man nicht hört und vor dem man sich nicht in Acht nehmen muss. Das war uns neu. Wir trafen Amaya auf einem Zeltplatz in der Wachau. Sie war im Kanu auf der Donau unterwegs mit zwei weiteren Mädchen, die das Paddeln für sie übernahmen. Alle drei waren schon einige Tage tapfer unterwegs von Zeltplatz zu Zeltplatz. Sie musste also täglich mehrere Stunden brav auf ihrem Platz im Kanu ausharren. Respekt!

Es stellte sich heraus, dass Amaya nicht zufällig so verträglich war. Ihr Frauchen ist Ausbilderin von Rettungshunden und weiß offensichtlich, was Hunde zum Glücklichsein brauchen. Wir dachten leidvoll an die neurotischen Stadthunde, die wir von zuhause kennen.

Es muss ja nicht jeder Hund ein Rettungshund werden, aber jeder Hund hat ein Recht darauf, vor dem Schicksal als Einrichtungsgegenstand gerettet zu werden. Das kommt dann auch den Passanten zugute, die diesen Hunden begegnen.

Gute Reise, ihr drei!

f10 - 1/250s - 105mm - ISO 100 - 06/2016





Schäferjunge Vasile, Rumänien

22.08.2016

26| Verantwortung

Nach langer Abwesenheit betrat ich am Wochenende erstmals wieder unseren Stadtwald für einen Spaziergang. Er war kaum wiederzuerkennen. Wo sonst einsame Waldwege Stille atmeten, wuselten - tief gebeugt über ihre Mobiltelefone - plappernde Menschen in dichten Trauben. Das Pokemon-Fieber hat meine Stadt ereilt! Wie zu erwarten, waren die meisten Infizierten männlich und jung.

Ich weiß nicht allzu viel über diese neue Freizeitbeschäftigung. Trotzdem kommt es mir vor, als gäbe es sinnvollere Tätigkeiten für junge Menschen. Ein Beispiel für sinnvolle Tätigkeit habe ich vor kurzem in Rumänien kennengelernt. Auf einer Wanderung trafen wir auf eine Melkstation für Schafe. Bevor uns die zuständigen Hunde zerfleischen konnten, ging ein Junge beherzt dazwischen. Wir kamen ins Gespräch mit Vasile und er erklärte uns Melkstation und Käserei, die in einer kleinen Hütte gleich neben dem Gatter betrieben wurde.

Was macht aber ein 12jähriger Junge in der Wildnis zusammen mit 2 Schäfern, 4 Hunden und 250 Schafen? Es stellte sich heraus, dass er die ganzen Sommerferien - also etwa 3 Monate - fern der Familie dort verbringen wird, um den Schäfern zur Hand zu gehen. Eine Ferienarbeit und nicht die leichteste. Hier geht es nicht um Pokemon, sondern um ganz reale Tiere mit ganz realen Bedürfnissen. Viel Verantwortung für einen Bengel, der bei uns vielleicht noch nicht einmal allein zur Schule fahren dürfte. Gelacht wurde trotzdem ausgiebig.

Der Kontrast zu den mit allen materiellen Gütern ausgestatteten Jungs in meinem Stadtwald und ihrer zweckfreien virtuellen Jagd machte die Zielstrebigkeit und Reife des Hirtenjungen deutlich sichtbar. Ich hoffe, er verwendet seinen Lohn für die schwere Arbeit klug und wünsche ihm, dass er nach den Ferien den Schulbesuch so ernsthaft betreiben wird, wie er sich um die Tiere gekümmert hat. Denn Jungs, die aus diesem Holz geschnitzt sind und eine gute Ausbildung vorweisen können, braucht nicht nur Rumänien dringend. Auf jeden Fall können sich die Mädchen schon einmal auf einen feinen Kerl freuen, wenn sie ihm noch ein paar Jahre Zeit geben.

f9 - 1/200s - 105mm - ISO 100 - 07/2016






Blechschmied in Lijiang

12.06.2016

23| Dein Alltag sei dein Tempel

Womit auch immer man seine Tage verbringt, selbst in den geringsten Aufgaben kann man aufgehen und Würde gewinnen. Nicht jeder kann Pop-Sternchen oder weltenlenkender Politiker werden. Nicht jeder braucht das, nicht jeder will das. Man kann an seinem Platz sein Bestes geben und seinen Teil der Welt verbessern. Schon oft habe ich Menschen getroffen, die ihre Arbeit mit Hingabe und Freude verrichtet haben, ungeachtet des Wertes, den die Welt dieser Arbeit beimisst. Solche Begegnungen sind immer erhebend und motivierend.

f6 - 1/350s - 315mm - ISO 100 - 11/2008





Traumfrau

24.02.2016

19| 50 Jahre Lieferzeit

Der Preis bestimmt das Bewusstsein.

Diese Abwandlung der Marx'schen Erkenntnis kommt mir in den Sinn, wenn ich an meine Liebste denke. Sie ist mir einfach lieb und teuer. Wir haben uns relativ spät im Leben gefunden. Aber dafür kommt sie meinen Vorstellungen einer idealen Partnerin so nahe, wie es einem realen Menschen nur möglich ist. Wie schafft sie das nur? Durch viele Gespräche mit ihr über ihr Leben vor unserem Zusammentreffen erfuhr ich, dass sie diese für mich so angenehme Passform erst allmählich im Laufe der fast 50 Jahre angenommen hat, die sie sich Zeit nahm, mir vor die Augen zu treten. Die Umstände ihrer Vergangenheit waren nicht immer einfach. Alle Herausforderungen, Niederlagen, Triumphe, Verletzungen haben Spuren hinterlassen. 5 Jahrzehnte hat das Leben an ihr gefeilt und modelliert und lässt davon nicht ab bis zum heutigen Tag. Welch ein Aufwand! Und alles nur mir zum Gefallen. Und nun steht sie vor mir. Ich danke jeden Tag für die Gnade, dieses speziell auf mich zugeschnittene Wesen um mich haben zu dürfen.

Das ist also der Preis für meine glückliche Partnerschaft. 50 Jahre mitunter leidvolle Arbeit. Meine Wertschätzung wird natürlich beeinflusst von dem Wissen, dass diese Maßarbeit nicht wiederholbar ist. Deshalb ist es mir ein Bedürfnis, meiner geliebten Kostbarkeit mindestens mit dem Respekt zu begegnen, den man anderen Kunstwerken dieses Niveaus üblicherweise entgegenbringt. Ich denke dabei zum Beispiel an Mona Lisa, Brandenburgische Konzerte oder Sixtinische Kapelle. Und wie bei diesen großen Werken gebietet es der Respekt, von allen Versuchen Abstand zu nehmen, sie durch mutwillige Änderungen zu verschandeln. Patina und Gebrauchsspuren sind etwas anderes. Denn diese Zeichen der Zeit und der sinnvollen Nutzung veredeln das Werk, zeigen sie doch, dass es seiner Bestimmung nachkommen konnte. Und so beobachte ich voller Zärtlichkeit, wie sie im Gleichschritt mit mir die Ehrenzeichen des zunehmenden Alters im Äußeren und Inneren sammelt. Gleichzeitig denke ich zurück an das Mädchen, die junge Frau, die sie einmal gewesen sein mag. Ich stelle mir vor, wie sie tapfer allen Gefahren und Zweifeln getrotzt hat, um am Ende des langen Weges für mich bereit zu sein. Diese Frau hat Anspruch auf meine Aufmerksamkeit, meinen Respekt und meine Hingabe. Und wie ich erfreut feststelle, gedeiht auf diesem gut bestellten Feld auch die Liebe.

Was für meine geliebte Frau gilt, kann man auch allen anderen Mitmenschen nicht absprechen. Sie alle haben ein bewegtes und bewegendes Leben hinter sich, verdienen Respekt und Aufmerksamkeit. Die Aufgabe, dies allen Menschen gegenüber zu leben, wird für die meisten Menschen über ihre Fähigkeiten gehen. Auch ich kann mir nicht vorstellen, einem Mörder Respekt zu erweisen. Aber auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Also übe ich mich mit wechselndem Erfolg darin, jene Menschen zu respektieren, die mir kein schweres Leid zugefügt haben, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit angemessen auszuteilen und die gemeinsame Zeit mit meiner geliebten Partnerin jeden Tag als ein unverdientes Wunder zu feiern.





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